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Aachen: Mit der kommunalen E-Flotte zur multimodalen Mobilität

Quelle: Stadt Aachen

2016 hat Aachen damit begonnen seine kommunale Flotte zu elektrifizieren. Im Jahr 2021 fahren bereits fast 50% der Flotte mit elektrischem Antrieb. Ein wichtiger Baustein dabei war die Änderung der Dienstfahrtenregelung und damit die Einführung eines multimodalen Mobilitätsangebotes in der Verwaltung.

  • Fahrzeuge
    Kommunale Flotte: Von insgesamt 141 PKW und Nutzfahrzeugen der Stadt sind 66 mit alternativen Antrieben ausgerüstet. Bei den 66 Elektro- sowie Hybridfahrzeugen handelt es sich um PKW und leichte Nutzfahrzeuge (Kasten und Pritschenwagen). Das entspricht einer Quote von rund 47 Prozent. Verwaltungsfuhrpark: 19 Fahrzeuge (eSmart, Renault ZOE): 100 % elektrifiziert Sonderfahrzeuge: 2 wasserstoffangetriebene Müllentsorgungsfahrzeuge und eine vollelektrische Kehrmaschine starten in Kürze.
  • Ladeinfrastruktur
    Für den Fuhrpark der Verwaltung an den Verwaltungsgebäuden; die weiteren Fahrzeuge werden zentral beim Stadtbetrieb bzw. an den Fachämtern (z.B. Ordnungsamt) geladen.
  • Förderung
    „Elektromobilität in Modellregionen“ (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur)

  • Kontakt
    Kristine Hess-Akens (Koordination E-Mobilität)
    Lagerhausstrasse 20
    52058 Aachen

    Tel. +49 241 432 6002
    Kristine.Hess-Akens@mail.aachen.de
    www.emobil-aachen.de

Hintergrund

Aachen steht vor einer Situation wie sie viele andere Kommunen auch kennen: Ein hohes Fahrzeugaufkommen in der Stadt und folglich hohe Schadstoffbelastungen durch Stickoxide und Feinstaub. Helfen sollen unter anderem weniger Fahrzeuge, die Umstellung auf mehr elektrische Antriebe und ein vielseitiges, flexibles Mobilitätsangebot.

Die Zielvorgabe für Aachen ist ambitioniert: Im Januar 2020 hat der Rat der Stadt Aachen beschlossen, dass die Stadt Aachen nicht mehr CO2 verbrauchen soll, als für das 1,5 Grad-Ziel zulässig ist. Dieses Budget wäre nach heutigem Fahrplan 2028 aufgebraucht. Danach wäre nur klimaneutrales Handeln, also auch klimaneutraler Verkehr erlaubt.

Mit der Elektrifizierung des Fuhrparks ist die Aachener Verwaltung mit positivem Beispiel vorangegangen. Der Impuls kam vom Oberbürgermeister selbst, der das Anliegen in die Verwaltung getragen hat.

Im Rahmen der Elektrifizierung wurde weit mehr umgesetzt als nur der Austausch von konventionell angetriebenen Fahrzeugen gegen E-Fahrzeuge. Denn ein 1:1 Austausch der Fahrzeuge hilft zwar gegen Schadstoffemissionen, verbessert jedoch nicht die hohe Fahrzeugdichte in der Stadt.

Die Verwaltung hat daher ihr Mobilitätsverhalten grundlegend auf den Prüfstand gestellt und die Beschaffung von E-Fahrzeugen als Teil einer umfassenden, multimodalen Lösung mit unterschiedlichen Mobilitätsangeboten gedacht. PKW sind somit nur eines von mehreren möglichen Verkehrsmitteln. Eine zentrale Rolle spielt bei dieser Umstellung die überarbeitete Dienstfahrtenregelung für die Angestellten der Stadt.

Neue Dienstfahrtenregelung

Die bis 2018 gültige Dienstfahrtenregelung in Aachen sah vor, dass fast alle Dienstfahrten in Aachen mit privaten PKW durchgeführt und anschließend pro Kilometer abgerechnet werden. Eine verwaltungseigene Flotte war demnach nicht vorhanden.

Mit der neuen Regelung sind Dienstfahrten im privaten PKW nicht mehr möglich, was für einige Mitarbeitende eine Einschränkung oder Umstellung bedeutete. Denn bspw. die Verknüpfung von Dienstfahrten im eigenen Auto mit dem Heimweg sind nicht mehr möglich.

Statt nur auf eine eigene städtische PKW-Flotte umzustellen, wurde ein umfassendes Mobilitätsangebot geschaffen, das je nach Strecke, Personenzahl und Zuladung genutzt werden kann. Für Dienstwege wird in folgender Reihenfolge auf Sinnhaftigkeit geprüft, ob die Strecke:

  • zu Fuß,
  • mit dem eigenen Fahrrad oder einem Leih-Pedelec,
  • dem ÖPNV,
  • einem E-Fahrzeug der Verwaltungsflotte oder
  • mit einem (unter Umständen konventionell angetriebenen) Fahrzeug des lokalen Carsharing-Anbieters
  • oder in dringenden Situationen mit einem Taxi erledigt werden kann. Die Mobilitätsmöglichkeiten für die Verwaltungsangestellten sind heute also deutlich flexibler und können dem jeweiligen Anlass entsprechend gewählt werden.

Das Vorgehen

Aachen startete den Aufbau der kommunalen E-Flotte mit einer fundierten Analyse des bestehenden Mobilitätsverhaltens. Diese war Teil des Projekts „eMoVe" – elektromobiler Mobilitätsverbund Aachen“, das im Rahmen des Förderschwerpunkts „Elektromobilität in Modellregionen“ durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert wurde.

Im Februar 2016 wurden sämtliche Fahrten ausgewählter Fachbereiche über einen Zeitraum von 6 Wochen erfasst und in Hinblick auf Distanz, Fahrtdauer, Personenzahl und Zuladung ausgewertet. Anschließend wurden die Anforderungen an den kommunalen Fuhrpark hinsichtlich der benötigten Fahrzeuganzahl, Fahrzeuggröße sowie Ladeinfrastruktur ermittelt. Die Analyse wurde mit einem externen Beratungsunternehmen (Fleetris-Analyse) durchgeführt und bildete die Grundlage für die dann folgende Umsetzung.

Die Analyse ergab unter anderem: 97 % aller Fahrten liegen unter einer Fahrdistanz von 80 Kilometern, meist werden nur 1-2 Personen befördert und das Gepäckvolumen kann in der Regel mit Kleinstfahrzeugen bewältigt werden. Sie zeigte aber auch, dass insgesamt mit einer mindestens 15%igen Verringerung der Gesamtfahrtleistung zu rechnen ist.

Ende 2016 erfolgte dann die Anwendung der neuen Dienstfahrtenregelung im Rahmen eines Pilotprojekts an zwei Verwaltungsstandorten. Für diesen Schritt wurden zunächst vier Fahrzeuge eingesetzt und ebenso viele Ladepunkte errichtet. Die Ladepunkte wurden an den entsprechenden Verwaltungsgebäuden errichtet. Alle Ladepunkte sind öffentlich zugänglich, werden aber überwiegend intern genutzt, da es ausreichend öffentliche Ladepunkte in der Umgebung gibt.

Die Erfahrungen des Pilotprojekts waren durchgehend positiv, so dass seit November 2017 das Projekt auf die komplette Verwaltung ausgeweitet wurde. Seitdem gilt die neue Dienstwagenregelung verbindlich für alle Mitarbeitenden. Insgesamt wurden bereits 67 Elektrofahrzeuge beschafft, davon 19 für die Verwaltungsmitarbeitenden.

Anlässlich der Umstellung wurden mehrere interne Veranstaltungen durchgeführt, um die Mitarbeitenden in die Umstellung einzubinden, für die Notwendigkeit der Veränderungen zu werben und auch um ganz konkrete Fragen zu beantworten: Wie können Fahrzeuge gebucht werden? Wie funktioniert die Buchungsplattform und die Abrechnung? Wie funktioniert das Laden der E-Fahrzeuge?

Ein Zugang für alle Angebote – Die App „movA“

Herzstück des multimodalen Systems ist die App „movA“. Sie bietet nicht nur einen Routenplaner, sondern je nach Strecke gleich die Buchung für das passende Mobilitätsangebot (Pedelecs, E-Fahrzeuge, ÖPNV-Ticket).

Die App wurde von der ASEAG, den Aachener Verkehrsbetrieben, entwickelt und stellt die zentrale Mobilitäts-App für alle Bürger*innen dar. Für die Verwaltung wurde die App erweitert, um für die Mitarbeitenden ein integriertes Angebot zu schaffen und einen möglichst einfachen Zugang. Um dienstliche und private Fahrten zu unterscheiden, können die Mitarbeitenden in der App zwischen zwei Profilen wählen.

Wurden die Fahrtkostenabrechnungen früher von jedem Fachbereich individuell durchgeführt, erfolgt die Abrechnung nun automatisch über das Backend der App und zentral in einem Fachbereich der Verwaltung.. Der Abrechnungsaufwand hat sich dadurch deutlich verringert.

Operativer Betrieb

Für den Betrieb der eigenen elektrischen Flotte hat die Stadtverwaltung einen Rahmenvertrag mit einem lokalen Carsharing-Anbieter geschlossen. Dieser kümmert sich um die Wartung, Reinigung und ggf. Reparaturen der Flottenfahrzeuge.

Die 19 PKW der Verwaltungsflotte sind werktags bis 17 Uhr exklusiv für Verwaltungsmitarbeitende reserviert. Darüber hinaus können die Fahrzeuge dann von Bürger*innen im Rahmen des Carsharing-Angebots genutzt werden.

Durch die elektronische Einbindung der Fahrzeuge in ein gemeinsames Buchungssystem und die Nutzung gemeinsamer Stellplätze, wird so eine höhere Auslastung der Fahrzeuge ermöglicht.

Alle Mitarbeitenden der Verwaltung erhalten eine Mobilitätskarte mit RFID-Chip. Diese ermöglicht das Öffnen und Starten der Fahrzeuge. Gleichzeitig ist sie Zahlungsmittel für die Ladeinfrastruktur und kann darüber hinaus zum Ausleihen von Pedelecs sowie für den ÖPNV genutzt werden.

Aachener Mobilitätskarte mit RFID-Chip | Quelle: Stadt Aachen

Ausblick

  • Als weiteres Verkehrsmittel ist die Integration von E-Scootern in Planung.
  • Neben batterieelektrischer Mobilität investiert Aachen auch in wasserstoffbetriebene Fahrzeuge (Müllentsorgungsfahrzeuge). Dadurch sollen die Technologie in der Praxis getestet und Erfahrungen aus erster Hand gesammelt werden.

Learnings

Die Aachener Verwaltung zieht insgesamt ein positives Fazit nach der Umstellung ihres Mobilitätsangebots: Der Wunsch und die Notwendigkeit nach klimaneutraler Mobilität in der Verwaltung haben überzeugt und wurden von der Belegschaft unterstützt. Dazu beigetragen haben mehrere Faktoren:

  • Die Einführung eines vielseitigen und leicht bedienbaren Angebots hat die Umstellung für die Mitarbeitenden erleichtert.
  • Während der Pilotphase konnte die Tauglichkeit des Konzepts im kleinen Rahmen erprobt werden. Durch Fragen und Hinweise der Nutzer*innen konnte das Angebot weiterentwickelt und verbessert werden.
  • Konsequente Unterstützung des neuen Angebotes und Überprüfung dazu nicht mehr passender Strukturen: Die Vergünstigungen für Personen, die ihren Pkw für Dienstfahrten nutzen, wurden abgeschafft.
  • 2021 ist eine Reduzierung der Nutzerkosten für das Jobticket ab 1. Juli auf 26 Euro beschlossen. Auch das Dienstrad-Leasing für alle Verwaltungsmitarbeitenden soll 2021 starten.
  • Der Aachener Stadtbetrieb ist verantwortlich für die Ausschreibungen der Fahrzeuge und hat sich auf die neue Technologie eingelassen. Eine wichtige Voraussetzung hinsichtlich der Beschaffung, da hier gesteuert und bewertet wird, ob konventionelle oder elektrische Fahrzeuge eingesetzt werden.
  • Die politische Unterstützung und insbesondere die Präsenz des Oberbürgermeisters hat die interne Kommunikation erleichtert, da dieser das Projekt innerhalb der Verwaltung vertreten hat. Zudem wurde eine Stabstelle mit einem „Referenten für emissionsfreie Mobilität beim OB“ eingerichtet, der die Koordination des Themas übernommen hat. Dadurch konnten die Mitarbeitenden mitgenommen und für das Projekt gewonnen werden.
  • Intensive interne Kommunikation: z.B. durch Einführungsveranstaltungen (mit jeweils 100-200 Personen) zum Start des neuen Angebotes, um dafür zu werben und praktische Fragen des täglichen Umgangs zu klären.
  • Fördermittel sind wichtiger Hebel in der Verwaltung, um innovative Projekte zu realisieren, insbesondere bei teuren Sonderfahrzeugen.
  • Auch finanziell hat sich die Elektrifizierung der Flotte gelohnt: die Gesamtkosten für die Verwaltungsmobilität sind gesunken.